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Vernachlässigung von Forschung und Lehre?

Ein Mannheimer Professor zieht kritisch Bilanz. Im radioaktiv Interview blickt Jochen Hörisch auf ein wenig zufriedenstellendes Uni-Jahr zurück. Hauptkritikpunkt und „Unfug“ ist die Akkreditierung von Studiengängen. Er bemängelt, dass die Uni nicht mehr bildet, sondern nur noch ausbildet. Außerdem erläutert Hörisch seine Teilnahme an der Initiative „Hurra, wir tilgen“, der er 10.000 Euro zur Verfügung gestellt hat.  (Foto: M. Proßwitz)

Prof. Dr. Jochen Hörisch ist Inhaber des Germanistik-Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur und qualitative Medienanalyse an der Universität Mannheim.
(Interview: David Kopp)

Wenn Sie als Uni-Professor auf 2010 zurückblicken, was war das für ein Jahr? Wie hat es sich von anderen Jahren unterschieden?

Es stand ganz im Zeichen der Akkreditierung. Und diese halte ich für den wirklich einzigartigen Unfug. Da wurden in der Fakultät unglaubliche Ressourcen an Zeit und übrigens auch an Geld gebunden. Das heißt, dass sehr, sehr viele Kollegen, die sich hier aktiv eingebracht haben, entsprechend weniger Zeit hatten, um zu forschen und zu lehren. Man muss sich immer klar machen, dass jeder Versuch einer Uni-Reform nur dann gerechtfertigt ist, wenn mehr an Lehre und Forschung herausspringt. Mit der Zeit, die man mit der Akkreditierung verbringt, hätte man ganz anders umgehen können. Sie merken, Sie reden, was Universitätsdinge angeht, mit einem missgelaunten Mannheimer Professor.

Sie behaupten also, Forschung und Lehre sind in diesem Jahr zu kurz gekommen?
Genau. Es ist ja eine Grundtendenz der Universität, dass immer mehr Ressourcen, vor allem Zeitressourcen, in die sogenannte Selbstverwaltung hineinfließen. Es ist aber keine Selbstverwaltung mehr, es ist eine zunehmende Außenbestimmung der Universität über Universitätsrate – die funktionieren zum Teil recht gut. Bei Akkreditierungen haben Sie ein Maß an Außenbestimmung über private Akkreditierungsagenturen, die, finde ich, schwer zusammen zu bringen sind mit der Idee, dass die Universität ein selbstgesteuertes System ist.

Gibt es neben dem Akkreditierungsverfahren noch weitere Ereignisse, aus denen die Universität im nächsten Jahr lernen sollte, oder solche, über die sie sich freuen kann?
Insgesamt wird deutlich, dass sich die Studenten – in meiner Wahrnehmung wohlgemerkt – immer stärker darauf eingestellt haben, dass sie keine Bildung mehr haben wollen, sondern eine funktionale Ausbildung. Das heißt, wenn ich früher eine Vorlesung gehalten habe, dann gab es hinterher eine Diskussion zur Sache. Heute ist die erste Frage nach jeder Vorlesung: „Was von dem, was Sie gesagt haben, ist denn klausurrelevant?“ Und die zweite Frage ist immer: „Was von dem, was Sie gesagt haben, kann ich im Internet nachlesen?“ Ich merke, dass bei den Studierenden die Studienzeit nicht mehr der Mythos der schönsten Zeit des Lebens ist, sondern eigentlich eine Phase, die man sehr schnell hinter sich bringen will. Das ist es, was mich irritiert, dass man als Bachelor-Student schnell fertig werden soll. Und dann einen Tritt in den -Entschuldigung- Allerwertesten bekommt und dann sagt: „Das war es jetzt“. Die meisten Studierenden haben die Schulzeit positiver besetzt als die Studienzeit. Sie merken, Sie reden mit einem rettungslosen Romantiker.

Oder einem Professor, der um seine Studenten besorgt ist. Nun wollen wir aber mal etwas auf Sie zu sprechen kommen. Dass ein Professor in den Medien zu Wort kommt, um einen Sachverhalt einzuschätzen oder besondere Forschungsergebnisse vorzustellen, ist erstmal nichts Besonderes. Aber Sie sind in diesem Jahr aus einem ganz anderen Grund medial aufgetaucht. Und zwar als Unterstützer der Initiative „Hurra, wir tilgen“. Hier geht es darum, dass wohlhabende Leute einen Teil ihres Vermögens „spenden“, um den öffentlichen Schuldenberg abzubauen. Erklären Sie doch bitte kurz, was Ihnen an der Idee gefällt und warum Sie teilnehmen.

Es geht darum, dass ich als Literaturwissenschaftler immer wieder mit großem Interesse Thomas Manns Roman aus dem Jahr 1909 gelesen habe — Thomas Mann ist nun weiß Gott kein durchgeknallter Linker. Der Roman trägt den Titel „Königliche Hoheit“. Es geht darum, dass ein kleiner deutscher Staat zu Beginn des 20. Jahrhunderts bankrott ist. Und die gespenstig aktuelle Fragestellung ist, wie man den Haushalt sanieren kann. Thomas Manns Ansatz ist darüber nachzudenken, dass es zwar eine Armut der öffentlichen Hand gibt, aber auch entsprechenden Reichtum in privaten Händen. Und die Initiative geht genau dieser Intuition nach. Deutschland ist kein armes Land. Es kommt wirklich darauf an, die Stabilität der Finanzmärkte und der Staatsfinanzen dadurch herzustellen, dass die öffentliche und die private Hand kooperieren. Kooperation ist produktiver als in der jeweils anderen Hand den Feind zu sehen. Und aus dieser Einsicht und auch der Freude heraus, dass man mit literarisch angeeigneten Einsichten zur Lösung von Sachproblemen möglicherweise beitragen kann, habe ich mich entschlossen, bei dieser Initiative mitzumachen.

Und wie hat sich die Initiative entwickelt? Wie ist der Stand der Spenden?
Das ist sehr erstaunlich. Dafür, dass die Initiative nun gerademal 14 Tage alt ist, hat sie eine unglaubliche Intensität. Das lief auch über eine dpa-Meldung. Auf der Diskussionsebene ist sie rießengroß. Auf der Ebene der Gelder, die wir bisher eingespielt haben (lacht), um einen kleinen Beitrag zu leisten, um die öffentlichen Schulden zu tilgen, ist das eher im symbolischen Rahmen. Es sind so knapp 20.000 Euro. In wenigen Tagen ist das aber immerhin gleichwohl mehr als ich gedacht hätte.

Sie haben im Zusammenhang mit der Initiative auch ihr Nettovermögen öffentlich gemacht. Was hat sie denn dazu geritten?
Ich finde, wir haben anders als in den erzkapitalistischen USA ein seltsam verkorkstes Tabu-Verhältnis zum Geld. Jeder kann wissen, was ich verdiene. Man schlägt einfach die Besoldungstabelle C4 für deutsche Professoren nach. Wir haben den klassisch neurotischen Fall, dass eigentlich alle wissen können, wie die Verhältnisse sind. Man guckt ja auch, welche Autos die Leute fahren oder in welchen Häusern sie wohnen. Aber keiner darf darüber reden. Als Literaturwissenschaftler interessiert mich das verkorkste Verhältnis zwischen dem, was man wahrnehmen kann, und dem, was man nicht sagen kann. Ich plädiere für ein weniger neurotisches Verhältnis zu Geld und zu Reichtum.

Schauen wir zum Schluss noch voraus. Was sind Ihre wichtigsten Wünsche für das kommende Jahr?
Mir macht mein Beruf weiter großen, großen Spaß. Meine Hoffnung ist die, dass sich viel von dem Mythos „Die Studienjahre sind die besten Jahre“ auch bei meinen Studenten weiter durchsetzen kann. Dass die Uni selbst auch stärker zur Ruhe kommt und gelassener wird, einen bestimmten Hype bei Bologna-Reform, Akkreditierung und dergleichen nicht mehr mitmacht. Dass sie merkt, Verwaltung und Gremienarbeit ist nur gerechtfertigt, wenn bei Forschung und Lehre mehr herauskommt. Die Uni muss sich selbst wieder attraktiver finden.

Verfassungsdatum

Donnerstag, 30. Dezember 2010